Sie haben es vermutlich übersehen
Am unteren Rand eines Pre‑Workout‑ oder Protein‑Etiketts, in winziger Schrift, steht ein Wort, das eher an einen Fantasy‑Roman erinnert als an ein Nahrungsergänzungsmittel: AstraGin. Eine aktuelle Pilotstudie legt nahe, dass dieser kaum bekannte Inhaltsstoff dem Körper hilft, mehr essentielle Aminosäuren aus Molkenprotein zu absorbieren – die größten Effekte zeigen sich bei Menschen über 60 Jahre. Bevor Sie jetzt etwas kaufen, hier die Studienergebnisse und das, was nicht nachgewiesen wurde.
Was ist AstraGin und warum findet es in so vielen Nahrungsergänzungsmitteln Verwendung?
AstraGin ist ein von NuLiv Science entwickelter Markenmix, der Extrakte von Astragalus membranaceus und Panax notoginseng kombiniert. Die aktiven Bestandteile sind Saponine – pflanzliche Verbindungen, von denen man annimmt, dass sie die Durchlässigkeit der Darmschleimhaut für Nährstoffe beeinflussen. Der Pitch an die Hersteller ist simpel: Ein kleiner Zusatz kann die Aufnahme der übrigen Inhaltsstoffe verbessern. Daher finden Sie AstraGin in Pre‑Workouts, Proteinpulvern und Multi‑Ingredient‑Formeln.
Die Forscher bezeichnen die Kombination als APS (Astragalus‑ und Panax‑Saponine). Bisher war unklar, ob das tatsächlich bei Menschen, die Molkenprotein konsumieren, wirkt – genau hier setzt die vorliegende Studie an.
Aufbau der Studie
Die Untersuchung, veröffentlicht im Nutrients‑Journal 2026 von einem taiwanesischen Team (Zhuang, Yen, Lin & Shen), war ein randomisiertes, doppelblindes, placebokontrolliertes Crossover‑Design. Dreißig gesunde Erwachsene wurden gleichmäßig auf drei Altersgruppen verteilt: 18‑25, 26‑59 und 60‑80 Jahre (jeweils 10 Personen).
Es gab zwei Phasen:
- Einzeldosis‑Phase: Die Teilnehmenden nahmen Whey‑Protein zusammen mit APS bzw. Placebo und die Forschenden maßen, wie schnell und in welcher Menge Aminosäuren im Blut auftauchten.
- Vier‑Wochen‑Phase: Tägliche Supplementierung wurde mit leichtem Körpergewichtstraining kombiniert (Stuhl‑Squats, Wand‑Liegestütze, Hüft‑Brücken, jeweils drei Sätze) und einem Whey‑Konsum von 0,8 g /kg /Tag. Gemessen wurden Aminosäurekinetik, Muskelfunktion und Marker der Darmgesundheit.
Laut Bericht von Ergo‑Log betrug die Dosis 50 mg AstraGin zweimal täglich, also insgesamt 100 mg pro Tag.
Zahlen, die Aufmerksamkeit erregten
Nach einer einzigen Dosis
Die Fläche unter der Kurve (AUC – ein Maß für die Gesamtexposition gegenüber Aminosäuren) war im Vergleich zum Placebo um:
- 6,67 % für Valin,
- 3,62 % für Leucin,
- 0,15 % für Isoleucin erhöht. Der Effekt war also moderat; bei Isoleucin praktisch nicht nachweisbar.
Nach vier Wochen
Die Effekte wurden deutlich stärker:
- Valin‑Absorption: +14,07 %
- Leucin‑Absorption: +8,34 %
- Isoleucin‑Absorption: +6,33 %
- Gesamte essentielle Aminosäuren (60‑80‑Jährige): +12,74 %
- Blut‑Zonulin: -13,01 % mit APS vs. -0,9 % mit Placebo
Zonulin ist ein Protein, das häufig als Marker für die intestinale Permeabilität verwendet wird – ein Rückgang deutet auf eine dichtere Darmschranke hin. Das ist ein interessanter möglicher Mechanismus für die verbesserte Aufnahme, obwohl die Aussagekraft von Zonulin als Biomarker nach wie vor umstritten ist und die Studie nicht beweisen kann, dass die Barrieraveränderung die Aminosäure‑Zunahme verursacht.
Der Effekt in der älteren Gruppe ist besonders bedeutsam, weil das Altern die muskuläre Reaktion auf Protein oft abschwächt (sogenannte anabole Resistenz). Alles, was mehr Leucin und andere essenzielle Aminosäuren in den Kreislauf bringt, ist für diese Zielgruppe von klarem Interesse.
Was nicht signifikant war
Hier muss der Hype etwas abgekühlt werden. Die Griffstärke stieg um 5,20 % bei APS gegenüber 2,44 % beim Placebo, und die Muskelmasse wuchs um 0,85 % vs. 0,68 %. Die Autoren stellten das als Verbesserung der Muskelfunktion dar, doch Ergo‑Log bemerkt, dass die Unterschiede bei Kraft und Muskelmasse statistisch nicht signifikant waren. Auch nur einige der Aminosäure‑Veränderungen erreichten Signifikanz.
Kurz gesagt: Das Absorptions‑Signal ist vielversprechend, aber es gibt keine soliden Belege dafür, dass AstraGin mehr Muskelmasse oder Kraft erzeugt. Ein Unterschied von 0,17 Prozentpunkten bei der Muskelmasse liegt leicht im Messrauschen einer so kleinen Gruppe.
Zur Sicherheit: Leber‑ und Nierenwerte blieben über die vier Wochen unverändert, und es traten keine Nebenwirkungen auf.
Dosis: 100 mg pro Tag vs. EFSA‑Grenzwert von 35 mg
Ein Punkt, den man beachten sollte: Die Studienteilnehmer erhielten täglich 100 mg – fast das Dreifache des von der European Food Safety Authority (EFSA) 2020 festgelegten sicheren Tageswertes von 35 mg. Vier Wochen ohne Leber‑ oder Niereneinbußen bei gesunden Erwachsenen ist beruhigend, aber es handelt sich nicht um Langzeitsicherheitsdaten. Viele handelsübliche Produkte enthalten deutlich weniger als die Studiendosis, sodass die im Alltag wirksame Menge möglicherweise nicht der getesteten entspricht.
Wirkt AstraGin? Ein ehrliches Fazit
Es handelt sich um eine kleine Pilotstudie mit 30 Personen, vier Wochen und leichtem Körpergewichtstraining. Stofffokussierte Studien dieser Art werden häufig von Unternehmen finanziert, die ein kommerziell wertvolles Produkt testen – unabhängige Replikationen sind deshalb entscheidend. Die Absorptions‑Ergebnisse sind interessant, aber nicht abschließend.
Praktische Take‑aways
- Wer könnte am meisten profitieren: Ältere Trainierende und Personen mit vermuteter schlechter Protein‑Absorption oder Verdauungsproblemen, da der größte Effekt in der 60‑80‑Jahre‑Gruppe zu sehen war.
- Wie man es einnimmt: In der Studie wurde AstraGin zusammen mit Whey‑Protein eingenommen; die logische Anwendung ist also die Kombination mit einer Proteinquelle.
- Nicht übertreiben: Wenn Ihre Proteinzufuhr und Ihr Training bereits optimal sind, wird ein 5‑14 %iger Anstieg einzelner Aminosäuren kaum Ihre Ergebnisse revolutionieren.
- Grundlagen zuerst: Gesamtes Protein, gleichmäßige Verteilung über die Mahlzeiten, progressive Überlastung und ausreichender Schlaf übertreffen jeden Aufnahme‑Booster bei weitem.
- Etiketten prüfen: Viele Produkte listen AstraGin in einer Proprietary‑Blend, sodass die tatsächliche Dosis oft unbekannt bleibt.
AstraGin könnte ein cleverer Helfer sein, um aus Ihrem Protein mehr herauszuholen – besonders im höheren Alter. Bis größere, längere und unabhängige Studien klare Muskel‑ und Kraftgewinne zeigen, sollte man es als vielversprechende Option, nicht als Muss, betrachten.