Creatin‑Ethylester vs. Monohydrat – die teure Variante verliert
Supplement‑Marketing liebt das Wort „fortschrittlich“. Wenn eine Grundzutat seit Jahrzehnten erforscht ist, vermarktet jemand eine abgewandelte Version als besser absorbiert, wirksamer und magenfreundlicher. Creatin‑Ethylester (CEE) ist ein Paradebeispiel. Eine randomisierte, doppelblinde Studie aus dem Jahr 2009, veröffentlicht im Journal of the International Society of Sports Nutrition, stellte CEE dem klassischen Creatin‑Monohydrat gegenüber – und die neuere Form überzeugte nicht.
Was CEE behauptet
Creatin‑Monohydrat ist der Standard, die Form, die in den meisten Forschungsstudien zum Einsatz kommt. Viele alternative Formulierungen wurden entwickelt, um die Aufnahme zu maximieren; bei CEE hieß das Versprechen, die Bioverfügbarkeit zu erhöhen. Das Konzept ist simpel: Man füge dem Creatin eine Ethyl‑Ester‑Gruppe an, sodass es schneller in den Blutkreislauf und in die Muskulatur gelangen soll. Dadurch könne man weniger einnehmen und dennoch denselben Nutzen erzielen.
Spillane und Kolleg:innen stellten diese Annahme auf die Probe. Die Frage lautete, ob CEE das Serum‑ und Muskel‑Creatin erhöhen und die Trainingsergebnisse mindestens genauso gut wie Monohydrat verbessern würde.
Studiendesign und Dosierung
Die Forscher rekrutierten 30 gesunde Männer, die bislang kein Krafttraining betrieben hatten. Diese wurden randomisiert und doppelblind einer von drei Gruppen zugeteilt:
- Placebo (Maltodextrin)
- Creatin‑Monohydrat (CRT)
- Creatin‑Ethylester (CEE)
Alle Absolvierten ein intensives Kraft‑Trainingsprogramm über sieben Wochen. Das Supplement‑Protokoll bestand aus einer Ladephase von 0,30 g pro kg fettfreier Körpermasse (ca. 20 g/Tag) für fünf Tage, gefolgt von einer Erhaltungsdosis von 0,075 g / kg fettfreie Masse (ca. 5 g/Tag) für die restlichen 42 Tage. Jede Gruppe erhielt also exakt die gleiche Menge an Creatin – ausschließlich die chemische Form unterschied sich.
Gemessen wurden: Körperzusammensetzung, Muskelmasse, Kraft und Schnellkraft, Serum‑ und Muskel‑Creatin sowie Serum‑Kreatinin.
Die Serum‑Kreatinin‑Erkenntnis
Dieses Ergebnis spricht für sich selbst. Das Serum‑Creatin war im Placebo‑ und im Monohydrat‑Team signifikant höher als im CEE‑Team (p = 0,007 bzw. p = 0,005). Ein „besser absorbiertes“ Creatin, das weniger im Blut verbleibt, passt also nicht zu den Marketing‑Behauptungen.
Gleichzeitig war das Serum‑Kreatinin – das Abbauprodukt von Creatin – im CEE‑Team deutlich höher als im Placebo (p = 0,001) und im Monohydrat‑Team (p = 0,001). Dieser Anstieg zeigte sich an den Messzeitpunkten Tag 6, 27 und 48. Das Muster deutet darauf hin, dass CEE eher zu Kreatinin degradiert wird, anstatt als Creatin genutzt zu werden. Die Studie misst zwar nur Blutmarker, nicht die eigentliche Degradationsgeschwindigkeit, aber die Richtung ist klar: Die Ester‑Form hinterlässt mehr Abfallprodukt.
Ein praktischer Nebeneffekt: Serum‑Kreatinin ist ein Standard‑Marker, den Ärzt*innen zur Einschätzung der Nierenfunktion heranziehen. Ein Supplement, das diesen Wert ansteigen lässt, kann routinemäßige Blutuntersuchungen erschweren. Zwar berichtet die Studie nicht von Nierenschäden, aber bei Bluttests sollte die Creatin‑Einnahme dem Arzt mitgeteilt werden, damit die Werte korrekt eingeordnet werden können.
Ergebnisse zum Muskel‑Creatin
Das Muskel‑Creatin‑Profil war differenzierter. Das totale Muskel‑Creatin war sowohl im Monohydrat‑ als auch im CEE‑Team signifikant höher als im Placebo (p = 0,026 bzw. p = 0,041). Zwischen den beiden Creatin‑Formen bestand jedoch kein signifikanter Unterschied – CEE erhöhte also das Muskel‑Creatin gegenüber Placebo, jedoch nicht mehr als Monohydrat.
Die Autor:innen schlossen, dass CEE nicht so effektiv sei wie Monohydrat, wenn es um die Steigerung von Serum‑ und Muskel‑Creatin gehe. Obwohl die Muskelwerte ähnlich waren, sprachen die Serum‑Ergebnisse eindeutig für Monohydrat, und CEE bot keinen zusätzlichen Nutzen.
Gab es Unterschiede bei Kraft oder Größe?
Nein – und das gilt für alle Gruppen. Körperzusammensetzung, Körperwasser, Muskelkraft und Schnellkraft verbesserten sich im Zeitverlauf signifikant, jedoch zeigten sich zwischen den Gruppen keinerlei signifikante Unterschiede. Auch das Placebo‑Team machte Fortschritte, genau wie die beiden Creatin‑Gruppen.
Die Autor:innen folgerten, dass die Verbesserungen höchstwahrscheinlich auf das Training selbst zurückzuführen sind und nicht auf die Supplementierung. Es handelte sich um eine 7‑wöchige Studie mit antriebslosen Anfängern – einer Population, die schnell von fast jedem gut strukturierten Trainingsplan profitiert. Dadurch können kleine Supplement‑Effekte leicht überdeckt werden.
Die Studie beweist nicht, dass CEE niemals Muskelmasse aufbaut, sondern lediglich, dass unter den gegebenen Bedingungen kein zusätzlicher Nutzen erkennbar war. Gleichzeitig zeigte Monohydrat keinen klaren Vorsprung gegenüber dem Placebo bei Kraft, weshalb die Studie besser als „CEE bietet keinen Vorteil“ gelesen werden sollte, statt als Triumph des Monohydrats.
Fazit und praktische Empfehlungen
Das Marketing versprach bessere Aufnahme. Die Daten zeigten niedrigeres Serum‑Creatin, höheres Serum‑Kreatinin, vergleichbares Muskel‑Creatin zum Monohydrat und keinerlei zusätzliche Gewinne in Körperzusammensetzung, Kraft oder Schnellkraft.
- Bleiben Sie bei Creatin‑Monohydrat. Es ist die am besten erforschte Form und meist die günstigste. Eine gängige Dosierung liegt bei 3–5 g/Tag.
- Laden ist optional. Die Studie nutzte eine fünftägige Ladephase von etwa 20 g/Tag; eine konstante Tagesdosis erzielt das gleiche Ergebnis langsamer, ist aber ebenso wirksam.
- Zahlen Sie keinen Aufpreis für „fortschrittliche“ Varianten, solange es keine überzeugenden Head‑to‑Head‑Daten gibt – bei CEE ist das nicht der Fall.
- Beachten Sie Ihre Blutwerte. Ein erhöhtes Serum‑Kreatinin, besonders bei CEE, kann Nieren‑Tests verwirren. Informieren Sie Ihren Arzt über die Einnahme von Supplements.
- Training geht vor. In dieser Studie war das Trainingsprogramm der entscheidende Faktor.
Quelle
Spillane M, et al. The effects of creatine ethyl ester supplementation combined with heavy resistance training on body composition, muscle performance, and serum and muscle creatine levels. J Int Soc Sports Nutr. 2009. DOI: 10.1186/1550-2783-6-6. PubMed: 19228401.