Überraschende Ergebnisse einer Knie‑Arthrose‑Studie
Kreatin hat ein Imageproblem: Es gilt als Nahrungsergänzung für junge Hantel‑Athleten, die nach neuen Rekorden jagen. Eine randomisierte, doppelblinde Studie, veröffentlicht in Medicine & Science in Sports & Exercise, richtete den Fokus jedoch auf eine ganz andere Zielgruppe – postmenopausale Frauen mit Kniearthrose (OA). Die Frauen, die Kreatin erhielten, standen nach dem Training schneller aus dem Stuhl auf. Bei den Kraftzuwächsen zeigte sich hingegen kein Unterschied zur Placebo‑Gruppe, ebenso wenig bei der Schmerzreduktion.
Im Folgenden ein Überblick darüber, was die Studie tatsächlich belegte – und was sie nicht beweist.
Die Studie auf einen Blick
- Design: randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie (Neves et al., 2011, Universität São Paulo)
- Teilnehmer*innen: postmenopausale Frauen mit Knie‑OA
- Stichprobengröße: Die veröffentlichte Zusammenfassung nennt keine Zahl – prüfen Sie den Volltext, bevor Sie die Ergebnisse stark gewichten. Solche Studien sind häufig klein.
- Intervention: Kreatin (20 g/Tag in der ersten Woche, anschließend 5 g/Tag) oder Placebo
- Training: Alle Teilnehmenden absolvierten ein Unterkörper‑Krafttrainingsprogramm
- Dauer: 12 Wochen, Messungen zu Studienbeginn und -ende
- Primärer Endpunkt: körperliche Funktionsfähigkeit, gemessen mit dem „Timed‑Stands‑Test"
Da beide Gruppen trainierten, ging es nicht um die Frage „schlägt Kreatin ein Nicht‑Tun?“, sondern um „bringt Kreatin zusätzlich zum Krafttraining etwas?".
Schlagzeilen‑Zahl: Schneller aufstehen
Der Timed‑Stands‑Score der Kreatin‑Gruppe stieg von 15,7 ± 1,4 auf 18,1 ± 1,8 Punkte – ein Zuwachs von 2,4 Punkten bzw. etwa 15 %. Die Placebo‑Gruppe blieb nahezu unverändert (15,0 ± 1,8 → 15,2 ± 1,2). Der intra‑Gruppen‑Gewinn in der Kreatin‑Gruppe war signifikant (p = 0,006) und die Differenz zwischen den Gruppen ebenfalls (p = 0,004).
Dass die Placebo‑Gruppe das gleiche Training absolvierte, jedoch keinen messbaren Fortschritt im Sitz‑zu‑Steh‑Test erzielte, macht das Ergebnis besonders interessant.
Weitere Vorteile – nur bei Kreatin zu beobachten
Nur die Kreatin‑Gruppe zeigte signifikante Verbesserungen bei folgenden sekundären Endpunkten:
- WOMAC‑Funktion: p = 0,005
- WOMAC‑Steifigkeit: p = 0,024
- Fettfreie Bein‑Masse: p = 0,04
- Lebensqualität: p = 0,01
Bei der Placebo‑Gruppe blieben die WOMAC‑Werte (Funktion, Steifigkeit) statistisch unverändert (p > 0,05). Der WOMAC‑Fragebogen ist ein etabliertes Instrument, bei dem Patient*innen ihr Schmerz‑, Steifheits‑ und Alltags‑Einschränkungslevel bewerten – also Veränderungen, die von den Frauen selbst wahrgenommen wurden.
Wo Kreatin nicht überzeugte
Schmerz: Beide Gruppen berichteten über signifikante Schmerzreduktionen (p < 0,05). Kreatin schnitt hier nicht besser ab als Placebo. Wahrscheinlich ist das gemeinsame Element das überwachte Krafttraining, doch die Studie kann den Effekt nicht isolieren. Kreatin wirkt also nicht als Schmerzmittel bei arthrotischen Knien.
Maximale Kraft: Das Ein‑Wiederholungs‑Maximum (1‑RM) im Beinpresse‑Test stieg in beiden Gruppen (p = 0,005), jedoch ohne Unterschied zwischen ihnen (p = 0,81). Kreatin machte die Frauen also nicht stärker als das Placebo.
Die Botschaft lautet daher nicht „Kreatin baut mehr Kraft auf“. Stattdessen scheint es die funktionelle Leistungsfähigkeit und die fettfreie Muskelmasse zu verbessern, ohne im 1‑RM‑Test einen klaren Vorsprung zu zeigen. Die Autoren begrenzen ihre Schlussfolgerungen auf körperliche Funktion, fettfreie Bein‑Masse und Lebensqualität.
Warum kann die Funktion ohne Kraftvorsprung steigen?
Der Abstract liefert darauf keine definitive Antwort – folgendes ist wohlüberlegte Spekulation: Sitz‑zu‑Steh‑Tests belohnen wiederholte Anstrengungen, nicht ein einzelnes Maximallift. Kreatins bekannteste Wirkung ist die schnelle Bereitstellung von Energie während kurzer, wiederholter Belastungen – genau das, was ein Wiederholungs‑Test fordert. Zusätzlich könnte die zusätzliche fettfreie Muskelmasse in den Beinen geholfen haben. Da ein 1‑RM‑Test und ein Wiederholungs‑Steh‑Test unterschiedliche Fähigkeiten messen, sind divergente Resultate plausibel.
Was das für Sie bedeutet
- Dosierung: Die Studie nutzte eine einwöchige Ladephase von 20 g/Tag, danach 5 g/Tag. In der Praxis wird meist nur die Erhaltungsdosis von 5 g/Tag empfohlen. Ob das Laden entbehrlich ist, wurde nicht untersucht.
- Einnahmezeitpunkt: Der Abstract nennt keinen konkreten Zeitpunkt. Deshalb lässt sich keine Aussage zur optimalen Tageszeit treffen – Regelmäßigkeit ist wichtiger als die Uhrzeit.
- Training: Kreatin wurde 12 Wochen lang zusammen mit Unterkörper‑Krafttraining eingenommen. Das Ergebnis gilt also für Kreatin + Training, nicht für Kreatin allein. Wer kein Krafttraining macht, sollte keinen vergleichbaren Nutzen erwarten.
- Für wen könnte das relevant sein: postmenopausale Frauen mit Knie‑OA, die bereits ein überwachtes Bein‑Stärkungsprogramm absolvieren oder kurz davor stehen und im Alltag (Aufstehen, Beweglichkeit, Steifigkeit) einen Vorsprung wollen.
- Wer sollte vorher ärztlichen Rat einholen:
- Personen mit Nierenerkrankungen oder eingeschränkter Nierenfunktion sowie solche, die nephrotoxische Medikamente einnehmen
- Menschen, die ausschließlich Schmerzlinderung durch Kreatin erwarten – die Studie zeigte keinen Vorteil gegenüber Placebo
- Männer, jüngere Erwachsene und Personen mit anderen Arthritis‑Formen, die in dieser Studie nicht untersucht wurden
- Personen mit gravierenden Vorerkrankungen oder polypharmazeutischer Therapie, die jede Nahrungsergänzung mit dem Arzt besprechen sollten
Das Kleingedruckte
Es handelt sich um eine einzelne 12‑Wochen‑Studie in einer spezifischen Population, und die Stichprobengröße wird im Abstract nicht angegeben. Die Ergebnisse sollten reproduziert werden, bevor sie in klinische Leitlinien einfließen. Die Befunde sind ermutigend, aber nicht endgültig; insbesondere die sekundären Endpunkte sind eher unterstützender Natur als beweiskräftig.
Dennoch lautet die Kernbotschaft praktisch: Für Frauen mit Knie‑OA, die Krafttraining machen, brachte das tägliche Ergänzen von 5 g Kreatin signifikante funktionelle Verbesserungen, die das Placebo‑Training nicht erreichte. Schmerz und Maximalkraft blieben jedoch gleich. Kreatin kann also auch außerhalb der typischen jungen Athleten‑Zielgruppe nützlich sein – allerdings nur in Kombination mit regelmäßigem Krafttraining, nicht als Ersatz.