Die große Erkenntnis
Man könnte erwarten, dass ein Duell zwischen Molke‑, Erbsen‑ und Ei‑Protein einen klaren Sieger hervorbringt. Das ist hier nicht der Fall – und die Ursache ist interessanter als ein simples Ranking.
Ein Team der Universität Wien sammelte 51 tracer‑basierte Studien, um zu vergleichen, wie verschiedene Proteinquellen die Muskelproteinsynthese (MPS) nach einem Widerstandstraining ankurbeln. Mehrere Proteine, sowohl tierisch als auch pflanzlich, lagen dicht beieinander. Doch nur das klassische Molkenprotein zeigte einen statistisch signifikanten Effekt.
Wie die Studie aufgebaut wurde
Die Arbeit, veröffentlicht im Journal of the International Society of Sports Nutrition (2026), ist ein systematischer Review mit Standard‑ und Dosis‑Response‑Netzwerk‑Meta‑Analysen (NMA). Eine Netzwerk‑Meta‑Analyse erlaubt es, Behandlungen zu vergleichen, die nie direkt gegeneinander getestet wurden, indem sie über gemeinsame Vergleichsgruppen verknüpft werden.
- Datenbanken: PubMed, EBSCOhost (MEDLINE, SPORTDiscus, CINAHL) und Scopus.
- Teilnehmer: Gesunde Erwachsene ab 18 Jahren.
- Protokoll: Ein einmaliger Krafttraining‑Durchgang, gefolgt von einer einzelnen Protein‑Bolus‑Dosis, ohne weitere Nahrungsaufnahme dazwischen.
- Messung: Muskelbiopsien vor und nach dem Training, aus denen stündliche MPS‑Raten mittels Tracer‑Technik ermittelt wurden.
- Ausschlüsse: Protein‑Mischungen und Produkte, die mit anderen anabolen Wirkstoffen angereichert sind.
- Stichprobe: 51 Studien erfüllten die Kriterien.
Die Autor*innen gaben an, dass keine Interessenkonflikte vorlagen.
Die Rangliste
Proteine wurden nach dem P‑Score sortiert, einem Wert von 0 bis 1, der die geschätzte Wahrscheinlichkeit widerspiegelt, nach dem Training eine hohe stündliche MPS‑Rate zu erzielen:
| Protein | P‑Score | Mittlere Differenz (%/h) |
|---|---|---|
| Native whey | 0,81 | 0,05 [0,00 ; 0,10] |
| Erbse | 0,77 | 0,05 [-0,02 ; 0,11] |
| Ganzes Ei | 0,72 | 0,04 [-0,01 ; 0,09] |
| Mykoprotein | 0,66 | 0,03 [-0,02 ; 0,08] |
| Molke | 0,58 | 0,02 [0,01 ; 0,04] |
Die Evidenzsicherheit wurde als niedrig bis moderat eingestuft.
Warum das am schlechtesten platzierte Protein das einzige „signifikante“ Ergebnis liefert
Hier kommt die Überraschung: Standard‑Molke rangierte zwar nur auf Platz 5 von 5, jedoch war ihr Konfidenzintervall das einzige, das die Null eindeutig ausschloss (0,01 bis 0,04). Native whey, Erbse, Ei und Mykoprotein erzielten zwar vergleichbare oder sogar höhere P‑Scores, doch ihre Intervalle waren breit genug, um die Null zu berühren oder zu umfassen.
Die wahrscheinlichste Erklärung liegt in der statistischen Präzision, nicht in einer überlegenen Biologie. Molke wurde in deutlich mehr Studien untersucht, sodass ihr Schätzwert eng ist. Erbse und Mykoprotein stammen aus wesentlich weniger Arbeiten, wodurch die Schätzungen unschärfer bleiben. Die Autoren betonen, dass Quellen, die nur von wenigen Studien gestützt werden, mit Vorsicht zu interpretieren sind.
P‑Scores geben nur die Rangfolge wieder, nicht die Effektgröße. Ein P‑Score von 0,77 für Erbse bedeutet also nicht, dass Erbse bereits bewiesen wirksam ist – lediglich, dass sie angesichts der verfügbaren Daten tendenziell gut abschneidet.
Das optimale Dosierungs‑Intervall: 18 bis 25 g
Die Dosis‑Response‑Analyse ergab die höchsten vorhergesagten MPS‑Antworten bei 18 bis 25 g für Native whey, ganzes Ei, Erbse und Mykoprotein. Sowohl tierische als auch pflanzliche Quellen liegen in diesem Bereich, was darauf hindeutet, dass die Menge genauso wichtig sein kann wie die Herkunft des Proteins.
Was das für dich bedeutet
Dosis: Ziel sind etwa 18 bis 25 g Protein in einer Portion nach dem Training. Dort sagt das Modell die höchste MPS‑Rate für die besten Quellen voraus.
Timing: Die Studien prüften einen einzelnen Bolus unmittelbar nach dem Krafttraining. Die Ergebnisse unterstützen die Einnahme eines Protein‑Supplements nach dem Workout, definieren aber kein starres „anabolisches Fenster“ – also keine Panik, wenn du nicht exakt zum Minute‑Ende trinkst.
Für Kraftsportler, die Milch vertragen: Molkenprotein hat hier die statistisch solideste Evidenz.
Für Pflanzen‑basierte oder milchvermeidende Athleten: Erbse und Mykoprotein rangieren konkurrenzfähig – ermutigend, obwohl die Evidenz dünner ist.
Für Ei‑Esser: Ganzes Ei liegt auf Platz 3 und passt ebenfalls in den 18‑25‑g‑Bereich.
Wer sollte vorsichtig sein oder verzichten:
- Personen mit einer Milch‑, Ei‑ oder Erbsenallergie sollten die jeweilige Quelle natürlich meiden.
- Menschen mit Nierenerkrankungen oder anderen medizinischen Bedingungen, die die Proteinzufuhr betreffen, sollten vorher Rücksprache mit einem Arzt halten.
- Wer nach einer bestimmten Marke oder einem Protein‑Blend sucht: Mischungen wurden ausgeschlossen, sodass Mehr‑Quellen‑Mischungen (z. B. Erbse + Reis) nicht bewertet wurden.
Wichtige Einschränkungen
- Akute MPS ist kein Muskelwachstum. Die Studien maßen kurzfristige Syntheseraten, nicht monatelange Trainingsadaptationen. Eine höhere MPS‑Rate über ein paar Stunden garantiert nicht mehr Muskelmasse oder Kraft über die Zeit, da das Gesamteiweiß, Trainingsqualität, Kalorienzufuhr und Regeneration ebenfalls entscheidend sind.
- Die Unterschiede sind klein. Die mittleren Differenzen lagen zwischen 0,02 und 0,05 Prozentpunkten pro Stunde. Das ist statistisch messbar, aber nicht unbedingt praktisch bedeutsam.
- Die Evidenzqualität ist mäßig. Niedrige bis moderate Sicherheit bedeutet, dass zukünftige Studien die Rangfolge, besonders bei den weniger untersuchten Proteinen, verschieben könnten.
Fazit
Kein Protein hat Molke vom Thron gestoßen, aber keines wurde ebenfalls ausgeschlossen. Molkenprotein ist die einzige Quelle, die in dieser Analyse einen statistisch signifikanten Effekt zeigte, während Erbse, Mykoprotein und ganzes Ei als plausible Alternativen gelten – allerdings bedarf es noch mehr Forschung. Wenn du einen einfachen Plan willst: Nimm nach dem Training 18 bis 25 g Protein aus einer Quelle, die du verträgst und magst, achte auf deine tägliche Gesamteiweißaufnahme und trainiere konsequent – das sind die wahren Treiber langfristiger Fortschritte.