Die Studie in einem Satz
Ein kleines Team der Baylor University verabreichte elf jungen Männern Turkesteron und fand keinen statistisch signifikanten Effekt auf IGF‑1, den Ruheenergieverbrauch (RMR) und die Fett‑ sowie Kohlenhydratmetabolik. Die Werte bewegten sich zwar leicht in die Richtung, die Supplement‑Vermarkter sich wünschen, überschritten jedoch nicht die Signifikanz‑Schwelle.
Turkesteron ist ein pflanzlich gewonnener Ecdysteroid, der in den sozialen Medien als „natürliches Steroid“ mit muskelaufbauender Kraft und ohne die Nachteile anaboler androgenischer Steroide (AAS) beworben wird. Trotz breitem Konsum liegen kaum humanbasierte Daten vor. Der in Muscles 2024 veröffentlichte Artikel gehört zu den ersten Versuchen, den Hype am Menschen zu prüfen.
Was die Forschenden tatsächlich gemacht haben
Die Studie war eine placebokontrollierte Vorstudie. Elf scheinbar gesunde Männer (Durchschnittsalter 23,3 ± 2,2 Jahre) meldeten sich freiwillig. Die Teilnehmenden erhielten Turkesteron in mehreren akuten Dosen, jeweils verglichen mit einem Placebo. Proben wurden zu drei Zeitpunkten entnommen:
- Vor der Einnahme (Baseline)
- 3 Stunden nach Einnahme
- 24 Stunden nach Einnahme
Als primäre Endpunkte wurden Serum‑IGF‑1 – ein Hormon, das mit Muskelproteinsynthese und Wachstums‑Signalwegen verknüpft ist – sowie der Ruheenergieverbrauch (RMR) gemessen, um die Behauptung zu prüfen, dass Turkesteron die Thermogenese ankurbelt. Zusätzlich wurden Marker für die Lipid‑ und Kohlenhydratmetabolik verfolgt. Die genauen Milligramm‑Dosen wurden im Abstract nicht angegeben, weshalb sie hier fehlen.
Das Hauptergebnis: Keine signifikante Wirkung
Die statistische Analyse zeigte keinen signifikanten Haupteffekt von Bedingung, Zeit oder Interaktion für Serum‑IGF‑1, RMR, Lipid‑ oder Kohlenhydratmetabolik (alle p > 0,05). Kurz gesagt: Die Forschenden konnten die Wirkung von Turkesteron nicht von Placebo oder normalen Schwankungen unterscheiden.
Der "Trend", den alle zitieren wollen
Die Autor:innen erwähnten zwei nicht‑signifikante Tendenzen:
- IGF‑1 stieg sowohl unter Turkesteron‑ als auch unter Placebo‑Bedingungen an.
- RMR blieb über die gemessenen drei Stunden hinweg oberhalb des Basiswertes.
Ein nicht‑signifikanter Trend ist kein verstecktes positives Ergebnis. Mit nur 11 Teilnehmenden hatte die Studie eine geringe Power, um kleine, aber wahre Effekte aufzudecken – diese Muster könnten also ein echtes Signal sein, das in größeren Studien bestätigt wird, oder sie könnten rein zufällig sein. Das Design kann den Unterschied nicht aufklären, und die Autor:innen geben dies ebenfalls zu, indem sie ihre Daten als nicht ausreichend zur „vollständigen Unterstützung von Turkesteron als potentes anaboles Supplement“ bezeichnen.
Warum diese Studie die Frage nicht abschließend beantwortet
Mehrere Limitationen sind zu beachten, bevor man aufgrund dieser Forschung Entscheidungen trifft:
- Kleine Stichprobe. Elf junge, gesunde Männer bilden nur eine Pilotgruppe; die Ergebnisse lassen sich nicht ohne Weiteres auf Frauen, ältere Menschen oder trainierte Athleten übertragen.
- Nur akute Dosierung. Untersucht wurden Stunden und ein einzelner Tag, nicht mehrere Wochen Supplementierung in Kombination mit Training.
- Indirekte Messungen. IGF‑1 ist ein Surrogat‑Marker. Es wurden weder Muskelgröße, Kraft noch Muskelproteinsynthese gemessen, sodass keine Rückschlüsse auf Hypertrophie möglich sind.
- Kein Trainingselement. Muskelwachstum in der Realität hängt von Krafttraining, ausreichender Proteinzufuhr und Zeit ab – das wurde in dieser Studie nicht berücksichtigt.
Die Autor:innen fordern ausdrücklich weitere Studien, die Turkesteron‑vermittelte IGF‑1‑Veränderungen über längere Zeit und in Kombination mit wiederholtem Training untersuchen.
Die gute Nachricht: Verträglichkeit
Die Forschenden betonten ein günstiges hämodynamisches und gastrointestinales Verträglichkeitsprofil. Bei den getesteten Dosen und über den kurzen Beobachtungszeitraum verursachte Turkesteron keine merklichen kardiovaskulären oder Magen‑Darm‑Probleme. Das ist zwar ein positives Signal, bleibt jedoch ein kurzfristiges Sicherheitsmerkmal bei lediglich 11 Teilnehmenden und beweist keine Langzeitsicherheit.
Was das für dich bedeutet
Baut es Muskeln auf? Noch nicht. Die Studie hat kein Muskelwachstum gemessen, und die hormon‑ bzw. stoffwechselbezogenen Ergebnisse unterschieden sich nicht signifikant vom Placebo.
Dosierung: Es gibt keine evidenzbasierte Dosis für den Muskelaufbau. Der Abstract nennt die verwendeten Dosen nicht, und nichts unterstützt ein konkretes Produkt‑Label oder Influencer‑Protokoll.
Timing: Messungen erfolgten 3 und 24 Stunden nach Einnahme, sodass keine Grundlage für eine Timing‑Strategie (z. B. Pre‑Workout oder mit Mahlzeiten) besteht.
Für wen es eventuell infrage kommt: Neugierige, gesunde Erwachsene, die akzeptieren, dass der Nutzen unbewiesen ist und bereit sind, auf solide Daten zu warten. Geld auszugeben sollte nicht auf Kosten bewährter Grundlagen gehen: progressives Krafttraining, ausreichende Proteinzufuhr, Schlaf und ein ausgeglichenes Kalorienbudget.
- Nicht für Personen, die steroidähnliche Ergebnisse erwarten – die Studie liefert keinerlei Unterstützung dafür.
- Nicht für Menschen mit hormonempfindlichen Erkrankungen oder die Medikamente einnehmen, ohne vorher ärztlichen Rat einzuholen.
- Nicht für Schwangere, Stillende und Personen unter 18 Jahren.
- Nicht für Wettkampfsportler, die Doping‑Tests unterliegen – sie sollten die Regelwerke ihres Verbands und die Inhaltsstoffe jedes Produkts prüfen.
Fazit
Die ersten Human‑Daten zu Turkesteron und IGF‑1 zeigen keinen signifikanten Effekt. Ein leichter Trend ist in der zu kleinen Stichprobe und über den zu kurzen Beobachtungszeitraum erkennbar, bleibt jedoch unbelegt. Bis längere Studien tatsächliches Muskelwachstum messen, sollte Turkesteron als unbewiesenes Supplement behandelt werden – nicht als natürlicher Shortcut zu steroidenähnlichen Zuwächsen.