Das Glutamin‑Dipeptid, das die Treffsicherheit bewahrte, während Wasser das nicht tat
Alle raten Sportlern, viel Wasser zu trinken. In einer kleinen Basketball‑Studie zeigte sich jedoch, dass reines Wasser die Schussgenauigkeit nicht so gut schützt wie Wasser, dem ein wenig L‑alanyl‑L‑glutamin (AG) zugesetzt wurde. Überraschend war dabei, dass die niedrige Dosis besser abschnitt als die höhere.
Die Studie auf einen Blick
Die Untersuchung wurde 2012 im Journal of the International Society of Sports Nutrition veröffentlicht und stammt von einem Team um Jay Hoffman von der University of Central Florida. Das Design sah folgendermaßen aus:
- Studientyp: Crossover‑Design – jede Athletin absolvierte alle vier Versuchsbedingungen
- Teilnehmer: 10 Frauen, Stipendiatinnen im NCAA Division I‑Basketball (Durchschnittsalter 21,2 ± 1,6 Jahre, Körpergewicht 73,5 ± 8,0 kg)
- Ablauf: Vier 40‑Minuten‑Spiele mit kontrollierten Pausen zum Nachtrinken
- Bedingungen:
- Keine Rehydrierung (DHY)
- Reines Wasser (W)
- Niedrige AG‑Dosis (1 g pro 500 ml, AG1)
- Hohe AG‑Dosis (2 g pro 500 ml, AG2)
- Auswertung: Veränderungswerte von Prä‑ zu Post‑Messungen, analysiert mit einer einfaktoriellen Messwiederholungs‑ANOVA
Was ist L‑Alanyl‑L‑Glutamin?
AG ist ein Dipeptid – also eine Verbindung aus Glutamin und Alanin. Durch die Bindung löst sich das Dipeptid leicht in Wasser, was es für Sportgetränke interessant macht. Die Studie prüfte, ob das Beimischen zu einer Rehydrierungs‑Flüssigkeit die spielerische und körperliche Leistung im späten Spielverlauf verbessert im Vergleich zu purem Wasser.
Wie wurden die Flüssigkeitsmengen festgelegt?
Im ersten Durchgang durfte nicht getrunken werden (Dehydration‑Spiel). Der Gewichtsverlust der Spielerinnen bestimmte die Menge, die sie in den drei folgenden Spielen zu sich nahmen. Sie verloren 1,72 ± 0,42 kg, also etwa 2,3 % ihrer Körpermasse. In den drei Rehydrierungs‑Spielen lag die durchschnittliche Flüssigkeitsaufnahme bei 1,55 ± 0,43 l, ohne Unterschiede zwischen den Wasser‑ und den AG‑Bedingungen. Damit lässt sich ein Performance‑Unterschied nicht auf eine unterschiedliche Flüssigkeitsmenge zurückführen.
Das Kernresultat: Schießen
Hier stechen die Ergebnisse besonders hervor:
- AG1 vs. keine Rehydrierung: 12,5 % besser beim Schießen (p = 0,016)
- AG1 vs. reines Wasser: 11,1 % besser (p = 0,029)
Reines Wasser unterschied sich in den berichteten Vergleichsanalysen nicht signifikant von der dehydrierten Bedingung. Die niedrige AG‑Dosis war hingegen signifikant besser als beide anderen Bedingungen. Das bedeutet: Das bloße Auffüllen des Flüssigkeitshaushalts reicht nicht aus, um die Schussgenauigkeit zu erhalten – das Dipeptid scheint entscheidend zu sein.
Reaktionszeit und Ermüdung
- Visuelle Reaktionszeit: Nach AG1 signifikant schneller als nach keiner Rehydrierung (p = 0,014). Die Autoren schlussfolgerten, dass AG‑Rehydrierung die Fertigkeits‑ und Reaktionsleistung besser aufrechterhält als Wasser allein.
- Ermüdung (gemessen am Spieler‑Load): Nur zwischen AG2 und der dehydrierten Bedingung zeigte sich ein Unterschied (p = 0,045). Die höhere Dosis wirkte also nur auf die Ermüdungskennzahl, nicht aber auf Schießen oder Reaktionszeit.
- Sprungkraft: Weder die Spitzen‑ noch die mittlere vertikale Sprungleistung zeigten zwischen den Bedingungen Unterschiede. Wer also einen Sprung‑Boost suchte, muss sich leider nicht freuen.
Warum war die niedrige Dosis besser?
Im Abstract wird die Ursache nicht erläutert, und mit nur zehn Probandinnen lässt sich keine belastbare Aussage treffen. Offenbar ist „mehr ist nicht immer besser“ – die Dosis‑Wirkungs‑Kurve verläuft nicht linear nach oben. Jede Erklärung bleibt spekulativ, bis größere, kontrollierte Studien vorliegen.
Was bedeutet das für dich?
- Dosis: In der Studie war die wirksame Menge 1 g AG pro 500 ml Flüssigkeit. Da die Spielerinnen im Schnitt 1,55 l tranken, entspricht das etwa 3 g AG pro Spiel – das ist meine Rechnung, nicht ein im Abstract ausgewiesener Wert.
- Zeitpunkt: Die Flüssigkeit wurde während festgelegter Pausen im 40‑Minuten‑Spiel getrunken. Praktisch heißt das: Mische AG in das Getränk, das du während langer Spiele oder Trainingseinheiten sipst, anstatt es einmal vorher groß zu dosieren.
- Für wen geeignet:
- Basketball‑ oder ähnliche Stop‑and‑Go‑Court‑Sportarten, bei denen die Genauigkeit im späten Spiel entscheidend ist
- Athleten, die genug schwitzen, um 1–3 % ihres Körpergewichts zu verlieren
- Trainerinnen oder Sportlerinnen, die bereits einen Hydrationsplan haben und diesen experimentell verfeinern wollen
- Wer lieber verzichten sollte:
- Personen, die primär eine Steigerung der Sprung‑ oder Kraftleistung erwarten
- Freizeit‑Sportler*innen bei kurzen Trainingseinheiten (die Studie hat diese Gruppe nicht untersucht)
- Menschen mit Leber‑ oder Nierenerkrankungen bzw. solchen, die Medikamente einnehmen – vorher ärztlichen Rat einholen
- Alle, die ein garantiertes Ergebnis erwarten – die Evidenz ist noch dünn.
Die wichtigsten Vorbehalte
- Sehr kleine Stichprobe. Nur 10 Spielerinnen – die Resultate sind anfällig für Zufallsschwankungen.
- Nur Frauen, nur Elite‑Sportlerinnen. Die Befunde lassen sich nicht ohne Weiteres auf Männer, Hobby‑Sportler*innen oder andere Sportarten übertragen.
- Sequenz der Bedingungen. Das Dehydrierungs‑Spiel wurde immer zuerst durchgeführt, wodurch sein Gewichtsverlust die Flüssigkeitsmenge für die Folgespiele bestimmte. Ob die Reihenfolge der restlichen Bedingungen randomisiert war, geht aus dem Abstract nicht hervor – mögliche Reihen‑ oder Lern‑Effekte können nicht ausgeschlossen werden.
- Finanzierung und Interessenkonflikte. Der Abstract nennt keine Fördermittel oder Industrie‑Beteiligungen. Für ein vollständiges Bild sollte man den Volltext (PMC3316133) konsultieren.
- Einzelstudie. Ohne Replikation darf das Ergebnis nicht als gesicherte Praxisregel angesehen werden.
Fazit
In diesem kleinen Crossover‑Trial erhöhte das Beimischen von 1 g L‑alanyl‑L‑glutamin pro 500 ml zu der Rehydrierungs‑Flüssigkeit die Schussgenauigkeit um etwa 11 % gegenüber reinem Wasser und um 12,5 % gegenüber keiner Rehydrierung. Zusätzlich verbesserte es die visuelle Reaktionszeit. Die Sprungkraft blieb unverändert, und die höhere Dosis (2 g/500 ml) erwies sich nicht als wirksamer beim Schießen. Das Ergebnis ist ein interessanter Hinweis für die Hydrations‑Strategie in langen Spielen, aber noch kein bewährtes Protokoll.