Kaffeekirsch‑Extrakt: 200 mg Koffein steigern die Radfahrleistung um 4,6 %
Eine niedrige Dosis von 200 mg Koffein aus einem Vollkaffeekirsch‑Extrakt half trainierten Radfahrern, in einem 15‑Minuten‑Zeitfahren 4,6 % mehr Arbeit zu verrichten. Die verbreitete Annahme, dass das Produkt die Glykogen‑Wiederauffüllung beschleunigt, konnte jedoch nicht bestätigt werden. Dabei handelte es sich um eine randomisierte, doppelblinde Crossover‑Studie mit nur 12 Teilnehmenden, die von der Industrie finanziert wurde und keine reine Koffein‑Vergleichsgruppe enthielt. Nachfolgend erfahren Sie, welche Erkenntnisse die Daten liefern, welche nicht und für wen das Präparat interessant sein könnte.
Was genau ist Kaffeekirsch‑Extrakt?
Die Kaffeebohne ist der Samen einer Frucht. Die Frucht, die die Bohne umgibt – die Kaffeekirsche – wird beim Verarbeiten häufig verworfen. Der hier getestete Extrakt stammt aus ganzen Coffea arabica‑Kirschen und wurde auf Koffein und Polyphenole, insbesondere Chlorogensäuren, konzentriert. Jede Dosis enthielt 200 mg Koffein und 15 mg Polyphenole.
Nach Maßstäben der Sporternährung ist diese Koffeinmenge relativ gering. Die Forschenden wollten wissen, ob ein stoffreiches Vollfruchtprodukt zwei Dinge erreichen kann: die Leistung verbessern und die Wiederherstellung von Muskelglykogen beschleunigen.
Studienaufbau
Das Design war solide, jedoch war die Stichprobe klein.
- Design: randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Crossover‑Studie
- Teilnehmer*innen: 12 trainierte Radfahrer (11 Männer, 1 Frau) mit einem V̇O₂max von 55 ± 2 ml·kg⁻¹·min⁻¹
- Belastungstest 1: 30 Minuten auf einem Fahrradergometer bei ca. 79 % V̇O₂max, gefolgt von einem 15‑Minuten‑Zeitfahren (TT1)
- Erholung: ein zweites Supplement zusammen mit 1 g/kg Körpergewicht Kohlenhydraten, anschließend am folgenden Morgen ein zweites Zeitfahren (TT2)
- Messungen: Blutproben während des gesamten Tests sowie Muskelbiopsien direkt nach TT1 (0 h) und danach nach 4 h und 24 h
Da jeder Radfahrerin sowohl den Extrakt als auch das Placebo erhielt, diente jede Person als eigene Kontrolle – ein großer Stärkefaktor bei einer kleinen Studie.
Hauptergebnis: Mehr Arbeit, geringere wahrgenommene Anstrengung
Blutanalysen zeigten, dass das Supplement aufgenommen wurde. Plasmakoffein und Chlorogensäure waren während Belastung und Erholung beim Extrakt signifikant höher als beim Placebo (p < 0.001).
Die Leistungsdaten folgten. Im 15‑Minuten‑Zeitfahren erzielten die Teilnehmenden 4,6 % ± 1,5 % mehr Gesamtarbeit mit dem Kaffeekirsch‑Extrakt: 3,14 ± 0,15 vs. 3,02 ± 0,17 kJ·kg⁻¹. Die Effektstärke betrug Hedge’s g = 0,8 (95 %‑KI 0,2–1,4), also groß, wobei das weite Konfidenzintervall die Unsicherheit aufgrund der geringen Stichprobengröße widerspiegelt. Der Unterschied war statistisch signifikant (p < 0,05).
Die wahrgenommene Anstrengung war im stabilen Abschnitt ebenfalls niedriger, d. h. dieselbe Arbeit fühlte sich leichter an. Das respiratorische Austauschverhältnis unterschied sich nicht, sodass kein eindeutiger Hinweis auf eine veränderte Energienutzung vorlag.
Mythos entlarvt: Keine Beschleunigung der Glykogen‑Wiederauffüllung
Der zweite Teil der Hypothese wurde nicht bestätigt. Das Muskelglykogen stieg in beiden Bedingungen während der Erholung deutlich an – wie zu erwarten ist, wenn Athlet*innen Kohlenhydrate zu sich nehmen. Von 0 bis 4 h nahm das Glykogen um 64 ± 13 mmol·kg⁻¹ Trockenmasse (dw) beim Placebo und um 44 ± 10 mmol·kg⁻¹ dw beim Extrakt zu. Von 4 bis 24 h stieg es um 53 ± 8 bzw. 45 ± 10 mmol·kg⁻¹ dw. Die Autoren bewerteten die Zunahmen als ähnlich zwischen den Bedingungen; ein Effekt des Extrakts auf die Glykogensynthese wurde nicht nachgewiesen.
Der Extrakt beschleunigte also die Glykogenspeicherung nicht. Die Kohlenhydratzufuhr trieb das Wiederauffüllen an, das Supplement fügte keinen messbaren Zusatz‑Effekt hinzu. Einige frühere Koffein‑Studien haben suggeriert, dass Koffein zusammen mit Kohlenhydraten die Glykogenspeicherung steigern kann, doch diese Untersuchung zeigte das nicht bei einer Kohlenhydratmenge von 1 g/kg. Außerdem wird das TT2‑Leistungsergebnis im Abstract nicht berichtet, sodass wir nicht wissen, wie die Leistung am nächsten Morgen ausfiel.
Warum Sie das Ergebnis kritisch sehen sollten
- Kleine Stichprobe. Zwölf Athlet*innen, davon nur eine Frau, schränken die Generalisierbarkeit stark ein.
- Keine reine Koffein‑Kontrolle. Die Studie verglich den Extrakt nur mit Placebo, nicht mit 200 mg reinem Koffein. Deshalb lässt sich nicht klären, ob der Nutzen vom Koffein, den Polyphenolen oder deren Kombination stammt.
- Ein Produkt, eine Dosis. Die Ergebnisse gelten ausschließlich für diesen speziellen Extrakt, nicht für alle Kaffee‑Frucht‑Produkte.
- Industriefinanzierung. Das Funding kam von FutureCeuticals, und drei Autoren sind dort Angestellte. Die Universität Exeter betont ihre Unabhängigkeit bei Dateninterpretation und Einreichungsentscheidung. Die Studie war vorregistriert (NCT05404841), was ein positiver Aspekt ist.
- Kurzzeit‑Leistungstest. Ein 15‑Minuten‑Zeitfahren lässt nicht zwangsläufig Rückschlüsse auf mehrstündige Wettkämpfe oder Krafttraining zu.
Praktische Schlussfolgerungen
Dosis: 200 mg Koffein plus 15 mg Polyphenole aus dem Extrakt, eingenommen vor dem Training. Das entspricht etwa dem Koffeingehalt von zwei typischen Tassen Filterkaffee – wobei der tatsächliche Gehalt stark variieren kann.
Zeitpunkt: In der Studie wurde das Supplement unmittelbar vor dem Belastungsabschnitt eingenommen. Da der genaue Vorlauf im Abstract fehlt, sollten Sie die Produktempfehlung beachten und Ihre eigenen Erfahrungen mit Koffein einfließen lassen.
Für wen geeignet: Trainierte Ausdauersportler*innen, die bei einer niedrigen Koffeinmenge einen Leistungszuwachs suchen oder ein Vollfrucht‑Produkt einem herkömmlichen Koffein‑Pillchen vorziehen. Das Präparat sollte zunächst im Training getestet werden, nicht am Renntag.
Wer es meiden sollte (allgemeine Empfehlung, nicht aus der Studie): Personen, die empfindlich auf Koffein reagieren, unter Angst‑ oder Schlafstörungen, Herzrhythmusstörungen, Bluthochdruck leiden, schwanger sind oder spät am Abend trainieren, sollten vorsichtig sein bzw. ärztlichen Rat einholen.
Was es nicht kann: Es beschleunigt nicht die Glykogen‑Wiederauffüllung. Wer die Muskelenergie schnell regenerieren muss, sollte primär auf Kohlenhydrate setzen; dieser Extrakt liefert dafür keinen zusätzlichen Nutzen.
Fazit
In dieser kleinen, gut kontrollierten Crossover‑Studie verbesserte ein Vollkaffeekirsch‑Extrakt mit einer geringen Koffeinmenge die Arbeitsleistung im 15‑Minuten‑Zeitfahren um 4,6 % und ließ die wahrgenommene Anstrengung leichter erscheinen. Die Behauptung, das Produkt unterstütze die Glykogen‑Wiederauffüllung, wurde jedoch nicht bestätigt. Größere Studien mit einer reinen Koffein‑Vergleichsgruppe sind nötig, um zu klären, ob die Kaffeekirsche etwas leistet, das reines Koffein nicht kann.