Die Zahlen hinter der Angst
Wenn Sie jemals "does creatine cause hair loss" in eine Suchmaschine eingegeben haben, sind Sie wahrscheinlich auf genau eine Studie gestoßen. 2009 berichteten Forscher eines südafrikanischen Rugby‑Instituts, dass das Dihydrotestosteron (DHT) 56 % nach einer siebentägigen Kreatin‑Ladephase mit 25 g/Tag gestiegen sei. Bei einer Erhaltungsdosis von 5 g/Tag lag DHT weiterhin ca. 40 % über dem Ausgangswert. Das Gesamt‑Testosteron blieb unverändert.
DHT ist das potentere Androgen, das aus Testosteron gebildet wird und das Hormon, das am engsten mit erblich bedingtem, männlichem Haarausfall verknüpft ist. Ein Supplement, das DHT in diesem Ausmaß erhöht, klingt also alarmierend. Was die Studie jedoch tatsächlich zeigte, ist eng gefasst – und die Lücke zwischen dieser Tatsache und den populären Internet‑Erzählungen ist entscheidend.
Was die Forscher tatsächlich getan haben
Das Paper von van der Merwe et al. im Clinical Journal of Sport Medicine war eine doppelblinde, placebokontrollierte Crossover‑Studie. Zwanzig College‑Rugbyspieler nahmen während ihrer Wettkampfsaison teil. Jeder Proband absolvierte beide Bedingungen, getrennt durch eine sechs‑wöchige Wash‑out‑Phase.
Kreatin‑Protokoll
- Ladephase: 25 g Kreatin + 25 g Glukose pro Tag für 7 Tage
- Erhaltungsphase: 5 g Kreatin + 25 g Glukose pro Tag für weitere 14 Tage
- Placebo: 50 g Glukose am ersten Tag, danach 30 g Glukose pro Tag
Serum‑Testosteron und DHT wurden zu Beginn, am Tag 7 und am Tag 21 gemessen; zudem wurde die Körperzusammensetzung erfasst.
Die Ergebnisse waren klar: Testosteron blieb unverändert. DHT stieg nach der Ladephase um 56 % und blieb nach zwei Wochen Erhaltungsdosis um etwa 40 % erhöht (P < 0,001). Das DHT‑zu‑Testosteron‑Verhältnis erhöhte sich um 36 % nach der Ladephase und blieb um 22 % erhöht nach der Erhaltungsphase (P < 0,01). Die Autoren vermuteten, dass Kreatin die Umwandlung von Testosteron zu DHT verstärkt, und forderten weitere Langzeit‑Untersuchungen.
Was die Studie nicht gezeigt hat
Hier ein Punkt, der in Foren selten genannt wird: Niemand hat Haarausfall gemessen. Die Untersuchung richtete sich ausschließlich auf Blut‑Hormone und Körperzusammensetzung, nicht auf Haardichte, Haarverlust oder andere dermatologische Endpunkte. Der Schluss von „DHT ist hoch“ zu „Du wirst kahl“ ist also eine Spekulation, kein Befund.
Weitere offensichtliche Limitationen:
- Kleine Stichprobe: Zwanzig junge männliche Athleten bilden eine bescheidene Gruppe.
- Kurze Dauer: Drei Wochen geben kaum Aufschluss darüber, was über Monate oder Jahre geschehen könnte.
- Spezifische Population: Es handelte sich um Rugby‑Spieler in einer intensiven Wettkampfsaison, mit damit verbundenem Trainingsstress und hormonellem „Rauschen“.
- Nur zirkulierendes DHT: Serum‑Werte spiegeln nicht zwangsläufig die DHT‑Aktivität an der Kopfhaut wider, wo lokale Enzymaktivität und Follikel‑Sensitivität entscheidend sind.
Noch wichtiger: spätere Studien konnten den DHT‑Anstieg nicht konsequent reproduzieren. Einige Untersuchungen, die Kreatin und Androgene gleichzeitig betrachteten, fanden keinerlei signifikante Veränderungen des DHT‑Spiegels oder des DHT‑zu‑Testosteron‑Verhältnisses. Die 2009‑Studie bleibt das am häufigsten zitierte Beispiel, hat sich jedoch nicht zu gesicherten Wissenschaft erwiesen.
Warum DHT für Haare wichtig ist – und warum das nicht die ganze Geschichte ist
Der männliche, erblich bedingte Haarausfall beruht auf zwei Faktoren: zirkulierende Androgene und eine ererbte Empfindlichkeit der Haarfollikel gegenüber DHT. Männer ohne diese genetische Prädisposition können normale oder sogar hohe DHT‑Spiegel haben und behalten ihr Haar. Männer mit Prädisposition können bereits bei völlig normalen Hormonwerten Haare verlieren.
Deshalb wirken Medikamente wie Finasterid, die das Enzym 5‑α‑Reduktase blockieren, bei vielen betroffenen Männern. Das erklärt auch, warum ein Anstieg des Serum‑DHT, selbst wenn er real ist, nicht automatisch zu Haarausfall bei allen führt. Das reale Risiko besteht vor allem für Personen, die bereits an der Schwelle stehen: Ein Mann mit starker Familiengeschichte von Kahlheit könnte theoretisch einen bereits laufenden Prozess beschleunigen, wenn sein DHT tatsächlich ansteigt. Dies bleibt jedoch eine Hypothese, die für Kreatin bislang nicht belegt ist.
Laden vs. Erhalten: Was das in der Praxis bedeutet
Die Studie nutzte den klassischen Ladeansatz: etwa 20‑25 g pro Tag für eine Woche, um die Muskeldepots rasch zu sättigen, gefolgt von 3‑5 g pro Tag zur Aufrechterhaltung. Der stärkste DHT‑Anstieg trat während der Ladephase auf, blieb aber auch bei der geringeren Erhaltungsdosis erhöht.
Eine Ladephase ist jedoch nicht zwingend erforderlich, damit Kreatin wirkt. Die tägliche Einnahme von 3‑5 g ohne vorheriges Laden führt nach drei‑ bis vier Wochen zu ähnlichen Muskel‑Kreatin‑Werten – nur langsamer.
Wer sollte das Ganze beachten
Für die meisten Kraftsportler gibt es wenig Grund zur Sorge. Einige wenige Gruppen könnten jedoch genauer nachdenken:
- Männer mit starker Familiengeschichte von erblich bedingtem Haarausfall, besonders wenn bereits frühe Anzeichen von Ausdünnung sichtbar sind.
- Personen, die bereits DHT‑blockierende Therapien (z. B. Finasterid) nutzen oder planen und die Einnahme von Kreatin mit ihrem Arzt besprechen wollen.
- Vorsichtige Menschen, die eine Substanz mit unsicheren langfristigen Wirkungen lieber vermeiden.
Falls Sie zu einer dieser Gruppen gehören, können Sie praktische Maßnahmen ergreifen: Die Ladephase weglassen, die Dosis auf 3 g pro Tag beschränken oder Ihre Haarlinie regelmäßig beobachten. Sollten Sie Veränderungen bemerken, können Sie die Einnahme abbrechen und neu bewerten. Die gut belegten Vorteile von Kreatin für Kraft, fettfreie Masse und Trainingsleistung überwiegen für die meisten Personen die spekulativen Risiken – doch Männer mit genetischer Veranlagung haben einen legitimen Grund, einen konservativeren Ansatz zu wählen.
Das Fazit
Die Rugby‑Studie von 2009 ist ein echtes Ergebnis: Kreatin erhöhte den Serum‑DHT deutlich, während das Testosteron unverändert blieb. Gleichzeitig handelte es sich um eine kleine, kurze Untersuchung, die keinen Haarausfall gemessen hat, und spätere Arbeiten konnten den Effekt nicht zuverlässig reproduzieren. Die ehrliche Zusammenfassung lautet: Möglicher biologischer Mechanismus, jedoch kein belegter Zusammenhang mit Haarausfall. Für die meisten Menschen überwiegen die gut dokumentierten Vorteile von Kreatin die spekulativen Risiken, doch Männer mit entsprechender genetischer Prädisposition sollten – wenn überhaupt – eine vorsichtige Dosierung oder den Verzicht auf eine Ladephase in Erwägung ziehen.