Eine Pilzkapsel steigerte VO2max um 14,8 % – aber es gibt einen großen Haken
Ein Anstieg von 14,8 % im VO2max wäre ein bemerkenswertes Ergebnis. Elite‑Trainer verbringen Jahre damit, solche Zuwächse zu erzielen, und hier scheint er nach nur 40 Tagen mit einer Pilzkapsel vorzuliegen. Das ist die Schlagzeile einer neuen Studie in Antioxidants. Die Zahl sollte jedoch mit Vorsicht genossen werden, weil die Untersuchung keine Placebo‑Gruppe enthielt.
Die auffällige Zahl
Die Arbeit von Kumar, Gill, Verma und Singh (Antioxidants 2026; 15(11):1386) berichtet, dass 50 gesunde männliche Sportler im Alter von 18‑22 Jahren täglich 320 mg eines beta‑Glukan‑reichen Mehrpilz‑Extrakt‑Komplexes über 40 Tage einnahmen. Ihr relatives VO2max stieg von 46,26 auf 53,12 mL/kg/min – ein Zuwachs von 14,8 % (p < 0,001). Der absolute VO2max erhöhte sich um 11,6 %. Auch die Berichterstattung in NutraIngredients nennt eine Verlängerung der Erschöpfungszeit.
Das getestete Produkt war eine „7‑in‑1 Mushroom Complex Extract“‑Kapsel. Das von mir gesichtete Material nennt die enthaltenen Pilzarten nicht, weshalb ich darüber nicht spekuliere.
Der große Haken: Keine Placebo‑Kontrolle
Es handelte sich um eine unkontrollierte, einarmige Vor‑Nach‑Pilotstudie. Es gab weder Placebo‑Gruppe, noch Randomisierung und kein Blind‑Design. Die Autoren selbst bezeichnen die Ergebnisse als hypothesengenerierend.
Das ist aus drei Gründen problematisch:
- Weiteres Training. Die Athleten setzten ihr gewohntes Training während der 40 Tage fort. Ein junger Sportler kann durch sechs Wochen gezieltes Training das VO2max ebenfalls deutlich steigern; das Design kann die beiden Effekte nicht trennen.
- Erwartungseffekte. Alle wussten, dass sie ein Supplement einnahmen. Motivation spielt bei einem maximalen Belastungstest eine große Rolle, und hier wurde sie nicht kontrolliert.
- Enge Zielgruppe. Alle Teilnehmenden waren gesunde, junge Männer, sodass die Resultate nichts über Frauen, ältere Erwachsene oder Nicht‑Athleten aussagen.
Dennoch enthielt das Design einige strukturelle Elemente: Die Teilnehmenden hatten zunächst eine 14‑ bis 17‑tägige Wash‑out‑Phase und erhielten eine standardisierte isokalorische Ernährung. Diese Maßnahmen helfen, ersetzen aber keine Kontrollgruppe.
Was sich sonst im Blut und Atem verändert hat
Die sekundären Befunde sind gemischt und schwer zu interpretieren:
- Peak Respiratory Quotient (RQ) stieg von 1,096 auf 1,308. Das ist ein ungewöhnlich hoher Wert, weshalb die Messung mit Vorsicht zu interpretieren ist.
- Hämatokrit sank von 44,5 % auf 42,1 %, was dem üblichen „mehr rote Zellen → mehr Sauerstoff“‑Modell entgegensteht.
- Mean Corpuscular Volume (MCV) erhöhte sich.
- Leukozytenzahl fiel von 7,53 auf 6,80 × 10⁹/L, wobei Neutrophile zurückgingen und Lymphozyten anstiegen.
Ein niedriger Hämatokrit bei gleichzeitig höherem VO2max ist eine interessante Kombination, die die Studie jedoch nicht erklären kann. Es könnte ein echter physiologischer Effekt, ein Plasma‑Volumen‑Shift oder einfach nur Messrauschen sein. Ohne Kontrollarm lässt sich das nicht eindeutig beurteilen.
Die Zellversuche: Interessant, aber eine andere Frage
Die Arbeit enthält zudem einen Laborteil. Die Forschenden nutzten H9c2‑Ratten‑Kardiomyoblasten (herz‑abgeleitete Zellen) und induzierten chemische Hypoxie mit Cobalt‑Chlorid (CoCl₂). Sie testeten drei Verbindungen einzeln:
- Beta‑Glukan bei 20 µg/mL
- Taurin bei 40 µM
- L‑Arginin bei 50 µM
Alle drei steigerten die metabolische Aktivität auf 83,65‑97,40 % gegenüber 67,29 % in den ausschließlich hypoxischen Zellen. Außerdem reduzierten sie die Hif1a‑Transkripte, einen Marker der zellulären Hypoxie‑Reaktion. Die Seahorse‑Messungen zur mitochondrialen Funktion zeigten Veränderungen, die statistisch nicht signifikant waren.
Hier besteht eine deutliche Lücke zwischen den Zellversuchen und der Humanstudie. Die Zellarbeit prüfte Einzelsubstanzen in Rattenzellen unter einem chemischen Low‑Oxygen‑Modell, während die Humanstudie ein Pilz‑Extrakt bei Athleten testete. Die Zell‑Daten können zwar einen plausiblen Mechanismus suggerieren, beweisen jedoch nicht, dass die Kapsel beim Menschen über denselben Weg wirkt.
Was die Evidenz leisten kann und nicht kann
Kann unterstützen: Einen Hinweis, der weiter getestet werden sollte. Ein klarer Vor‑Nach‑Unterschied mit einem sehr kleinen p‑Wert bei 50 Personen sowie Zell‑Daten, die auf hypoxie‑assoziierte Pfade hindeuten, rechtfertigen eine gut geplante, kontrollierte Studie.
Kann nicht unterstützen: Die Behauptung, dass ein Pilz‑Extrakt das VO2max um rund 15 % erhöht. Trainingseffekte, Erwartungshaltungen, Testvertrautheit und Messvariabilität könnten den beobachteten Zuwachs vollständig erklären. Eine korrekt durchgeführte placebo‑kontrollierte Studie würde wahrscheinlich einen viel kleineren Effekt zeigen – falls überhaupt.
Praktische Fazits
- Untersuchte Dosis: 320 mg/Tag eines beta‑Glukan‑reichen Mehrpilz‑Extrakt‑Komplexes.
- Dauer: 40 Tage. Das studierte Material gibt keinen Hinweis auf die Einnahme‑Zeit, sodass es keine evidenzbasierte Timing‑Empfehlung gibt.
- Für wen interessant: Gesunde, junge, trainierte Männer, die ein sorgfältiges persönliches Experiment durchführen wollen. Auch dann sollte man das Ergebnis als Experiment, nicht als bewiesenen Leistungs‑Boost, betrachten und die eigenen Tests unter konstanten Bedingungen dokumentieren.
- Wer es meiden sollte bzw. vorher Fachpersonal konsultieren sollte: Personen mit Pilzallergien, Schwangere, Stillende, Menschen mit relevanten Vorerkrankungen und alle, die verschreibungspflichtige Medikamente – insbesondere immunsuppressive oder immunmodulierende – einnehmen. Getestete Athleten sollten zudem die Produktkennzeichnung und ggf. Dritt‑Zertifizierungen prüfen. Das ist allgemeine Vorsicht, kein Befund aus der Studie.
- Was man nicht tun sollte: Bewährte Grundpfeiler der Leistungsoptimierung (strukturiertes Training, ausreichender Schlaf, optimale Ernährung) durch die Einnahme einer Kapsel ersetzen.
Fazit
Ein Anstieg von 14,8 % im VO2max ist die Art von Zahl, die sich rasch verbreitet – und das Fehlen einer Placebo‑Gruppe ist der Grund, vorsichtiger zu sein. Dieser Pilot liefert Forschenden eine Hypothese, nicht Athleten ein Ergebnis. Der eigentliche Test bleibt eine randomisierte, placebo‑kontrollierte Studie mit klar definierter Pilzzusammensetzung, breiterer Teilnehmerschaft und verblindeten Messungen. Bis dahin lautet die Antwort auf die Frage „Erhöht die Pilzkapsel das VO2max wirklich um 15 %?“: Wir wissen es noch nicht.