Kreatin vor dem Training gewinnt den Zeittest – aber es hat einen Haken
Du hast sicherlich schon gehört, dass Kreatin wirkt. Aber spielt das Timing eine Rolle? Eine neue randomisierte Crossover‑Pilotstudie im Fachjournal Nutrients hat genau diese Frage untersucht – und die Prä‑Workout‑Dosis kam dabei als Sieger heraus. Bevor du deinen Supplement‑Plan änderst, das Kleingedruckte: Es handelt sich um eine winzige, Einzeldosis‑Studie.
Die Kernbotschaft: Prä‑Workout‑Kreatin erhöht das gehobene Gesamtgewicht
Forscher unter der Leitung von Ben Maaoui verglichen die Einnahme von Kreatin vor, während und nach einer Krafttrainings‑Session mit einem Placebo und einer Kontrollgruppe ohne Supplement. Die Studie trägt den Titel "Acute Creatine Ingestion Before Resistance Training Enhances Strength Performance More than Ingestion During or After Training: A Randomized Crossover Pilot Trial".
Wichtigste Zahlen aus dem Abstract
- Bankdrücken: signifikanter Effekt der Bedingung (F = 4,91, ηp² = 0,33, p = 0,035)
- Kreuzheben: signifikanter Effekt der Bedingung (F = 33,22, ηp² = 0,77, p < 0,001)
- Bei beiden Übungen war die Leistung mit Prä‑Exercise‑Kreatin (CrB) besser als mit Placebo oder Kontrolle (p < 0,05)
Die Leistung wurde als das gesamte externe Gewicht (kg) gemessen, das über sechs Sätze bei 80 % des 1‑RM pro Übung gehoben wurde. Die Autoren schließen, dass Kreatin vor dem Training mit einer höheren akuten Kraftleistung verbunden war als die anderen Zeitpunkte. Da die Nachtest‑Vergleiche ausdrücklich gegen Placebo und Kontrolle angegeben werden, gelten diese Zahlen als die robustesten zum Zitieren.
Dosis und Timing, die in der Studie funktionierten
Das Protokoll war simpel:
- Dosis: 0,1 g pro kg Körpergewicht Kreatin‑Monohydrat (oder Placebo)
- Timing, das gewann: vor der Kraftsession
- Ladephase: keine – die Autoren beschreiben die Einnahme als „ohne Ladephase“
0,1 g/kg entsprechen bei einer 80‑kg‑Person etwa 8 g. Das Papier nennt keine andere Menge. Im Abstract wird nicht angegeben, wie viele Minuten vor dem Training die Dosis eingenommen wurde – prüfe den Volltext, bevor du das Protokoll exakt nachahmst.
Studiendesign im Überblick
Elf körperlich aktive Männer (Durchschnittsalter 26,1 ± 4,4 Jahre) absolvierten fünf Bedingungen in einem randomisierten, placebokontrollierten Crossover‑Design:
- Kreatin vor dem Training (CrB)
- Kreatin während des Trainings (CrD)
- Kreatin nach dem Training (CrF)
- Placebo (PL)
- Keine‑Supplement‑Kontrolle
Jeder Teilnehmer diente als eigener Vergleich – bei einer so kleinen Stichprobe besonders wertvoll. Jede Bedingung beinhaltete eine standardisierte Einheit Bankdrücken und Kreuzheben.
Was sich nicht veränderte
Der Abstract zeigt, dass zwischen den Bedingungen keine Unterschiede bestanden bei:
- Countermovement‑Sprungleistung
- Kognitive Leistung (Ziffern‑Streich‑Test)
- Stimmung (POMS)
- Wahrgenommene Anstrengung (RPE)
- Wahrgenommene Regeneration (PRS)
- Verzögert einsetzender Muskelkater (DOMS)
- Weitere biochemische Marker
Der Nutzen beschränkte sich also auf die belastete Kraftarbeit. Es gab keinen Hinweis auf Verbesserungen bei Sprung, Gehirn, Stimmung oder Muskelkater.
Blutmarker – ein kurzer Blick
Zwei Marker zeigten Veränderungen:
- Creatinkinase (ein Marker für Muskelschädigung) war im Post‑Exercise‑Kreatin‑Zustand höher als in der Kontrolle (p = 0,013) und dem Placebo (p = 0,041).
- Kreatinin war im Prä‑Exercise‑Zustand niedriger als bei Einnahme während des Trainings (p = 0,033), nach dem Training (p = 0,003) und in der Kontrolle (p = 0,021).
Der Abstract erklärt nicht, was diese Verschiebungen bedeuten. Die Messungen erfolgten nach einer einzigen Sitzung – also eher Kuriositäten für Folgestudien, nicht Beweis für Schaden oder Nutzen.
Praktische Erkenntnisse
Für wen das relevant sein könnte: Aktive, krafttrainierende Personen, die bereits Kreatin‑Monohydrat nutzen oder darüber nachdenken. Wenn du überlegst, wann du deinen täglichen Löffel nimmst, ist dies ein kleiner Hinweis darauf, es vorzugsweise vor dem Training zu dosieren. Prä‑Workout lässt sich zudem leicht in den Trainings‑Alltag integrieren.
Wer vorsichtig sein sollte
- Menschen mit Nierenproblemen oder anderen renal‑bezogenen Bedenken. Die Studie beobachtete Kreatinin‑ und andere Nierenmarker, aber ein 11‑Personen‑Akut‑Trial kann keine Sicherheit für Patienten garantieren. Konsultiere vorher einen Arzt.
- Frauen, ältere Erwachsene und Jugendliche. Alle Probanden waren junge, aktive Männer – die Ergebnisse lassen sich nicht ohne Weiteres auf andere Gruppen übertragen.
- Alle, die nach einem Sprung‑, Stimmungs‑ oder Muskelkater‑Benefit suchen. Keiner dieser Effekte zeigte sich.
Der Haken: Klein, akut und explorativ
Die Autoren betonen ausdrücklich, dass die Befunde explorativ sind und mit einer größeren Stichprobe sowie einem robusteren Placebo‑/Kontroll‑Design bestätigt werden müssen. Wesentliche Limitationen:
- Nur 11 Teilnehmende. Der Begriff „Pilot“ im Titel hat einen Grund.
- Einzeldosis‑, akutes Design. Die Studie untersuchte, was nach einer einzigen Dosis in einer einzigen Session passiert. Sie testete nicht die übliche, wochenlange tägliche Supplementierung.
- Kurzfristige Leistungsdaten only. Es gab keine langfristigen Messungen zu Kraftzuwachs, Muskelmasse oder Körperzusammensetzung.
- Placebo‑ und Kontroll‑Struktur. Die Autoren fordern selbst stärkere Designs in zukünftigen Arbeiten.
Ein konzeptueller Hinweis: Die gut belegten Vorteile von Kreatin beruhen darauf, die Muskelreserven über die Zeit durch konsequente Einnahme zu erhöhen. Ein akuter Prä‑Workout‑Boost ist ein separater, überraschender Anspruch – genau deshalb braucht er Replikation, bevor er als gesichert gilt.
Fazit
In diesem Pilot zeigte 0,1 g/kg Kreatin‑Monohydrat vor einer schweren Einheit einen Zusammenhang mit einem höheren Gesamtgewicht beim Bankdrücken und Kreuzheben im Vergleich zu Placebo oder keiner Supplementierung. Während oder nach dem Training brachte die Einnahme denselben Vorteil nicht. Wenn du bereits Kreatin nutzt, ist die Verschiebung der Dosis auf den Moment vor dem Training ein risikoarmes Vorgehen, das mit diesem frühen Befund übereinstimmt. Dennoch bleibt es ein hypothesis‑generierendes Ergebnis aus 11 Männern und einer einzigen Dosis – kein neuer Grundsatz für das Krafttraining.
Quelle: Maaoui B, et al. "Acute Creatine Ingestion Before Resistance Training Enhances Strength Performance More than Ingestion During or After Training: A Randomized Crossover Pilot Trial." Nutrients. DOI: 10.3390/nu18111789. PubMed: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/42280432/